Oliver Müller

Ich als Komiker, kann auch ernst

Einige wissen, dass ich unter Custerkopfschmerzen leide. Und das schon sehr lange. Ich will hier aber kein Mitleid erregen. Sondern der Welt da draussen dieses Krankheitbild einmal näher bringen. Weil es eine extrem seltene und weitgehend unerforschte Krankheit ist. Weil mir das so am Herzen liegt, habe ich mal einen Text verfasst, der es auf den Punkt bringt.

Cluster headache: “a pain like no other!“ Oder, wie der Volksmund sagt: “stell dich nicht so an, sind doch nur Kopfschmerzen!“

Im zarten Alter von vierzehn fing es bei mir an. Ich saß im Schulunterricht und bekam regelmäßig zur vorletzten Stunde( meistens war es in Mathe) einseitige starke Kopfschmerzen. Allerdings waren die auch immer schon so schnell vorbei, wie sie gekommen waren. Zuerst dachte ich immer es liegt an Mathematik. Das war mein absolutes Hassfach in der Schule. Eine Aufgabenstellung in Mathe kam bei mir immer so ungefähr an wie: Fünf Bauarbeiter habe 8 Flaschen Bier.Wenn einer zur Bude geht und drei bleiben da, wieviele Vögel sitzen dann auf dem Dach? Antwort: 2 grüne Autos !“ Ich dachte halt ,dass ich durch diese Anstrengungen des Hirns meine Kopfschmerzen bekam. Weil es dann immer häufiger und regelmäßiger wurde, dachte ich ich leide unter Migräne. Doch wenn meine Mutter mir von ihrer Migräne erzählte, fand ich es sehr seltsam, dass sie diese drei Tage durchgehend am Stück hatte und dabei auch noch schlafen konnte. Ich konnte das nicht. Bei mir waren die Attacken nach ein bis zwei Stunden vorbei. Aber dafür häufiger am Tag und in der Nacht. An Schlaf war da nicht zu denken.

Es war 1993 ,da konnte mir keiner etwas über Cluster erzählen. Deshalb dachte ich, ich leide an einem Hirntumor. Ich hatte riesige Angst. Die Ärzte konnten mir auch nur immer wieder sagen:“ du hast Migräne. Es sind nur Kopfschmerzen. Hier nimm ne Aspirin.“ Aspirin, Paracetamol oder Iboprufen .Hab ich alles gehabt. Nix hat genützt. Sogar meine Amalgan Füllungen habe ich mir aus den Zähnen entfernen lassen....Nix....Nix hat es genützt. Ich durchlebte meine Jugend, die von Sex, drugs und Punkrock geprägt war.(Und falls jemand nochmal fragt,“ ja, es stimmt ...Es gibt einige halluzinogene Substanzen, die dagegen helfen.“) Immer wieder musste ich mit diesem Schmerz zurechtkommen, der meistens im Frühling oder im Herbst auftrat. Ich hielt es einfach durch ,auch ohne Medikamente. Ich glaubte auch immer, dass ich der einzige Mensch auf der Welt bin, der das in so einer Form hat. Mit den Jahren wurde der Schmerz immer schlimmer und intensiver .Ich versuche jetzt mal eine kleine Beschreibung von diesem Schmerz zu geben. Aber Achtung!: Bringen sie ihre Kinder ins Bett. Denn was jetzt kommt, ist schlimmer als die Filme: Saw ,Teil eins bis Sieben.

Stellen sie sich vor, es ist ein schöner warmer Tag im Frühjahr. Die Sonne scheint, die Vögel zwitschern. Sie sitzen im Garten und haben sich gerade ein leckeres, kühles Glas Bier eingeschüttet. Sie trinken dieses Glas Bier und lehnen sich zurück. Plötzlich merken sie wie hinter ihnen leicht grinsend ,ein dämonischer Schatten vorbeihuscht und ihnen folgende Worte in's Ohr flüsstert: “Hallo mein Freund, ich bin's ,der Clusti. Ich habe gesehen, dass du Alkohol getrunken hast. In den vielen Jahren, die wir uns schon kennen, müsstest du doch gelernt haben, dass das der Trigger Nummer eins für dich ist. Tja, Pech für Dich. Denn jetzt werde ich zu Clustor der Dämon in deinem Kopf. Und es gibt kein entkommen, hahahaha !“ Und dann holt er sein Lieblingswerkzeug raus. Einen riesigen alten, rauen und verrosteten Bohrer mit einer länge von ca. fünfzig cm. Er setzt ihn an deinen rechten Hinterkopf an und fängt leicht an zu drücken. Du spürst einen starken Druck. Dieser Druck verteilt sich über die gesamte rechte Kopfseite. Dabei werden die Schmerzen immer stärker. Er drückt immer fester, bis er mit dem Bohrer in den Hinterkopf eindringt. Dann schiebt er diesen ganz langsam durch dein Gehirn nach vorne, bis vor dein rechtes Auge. Langsam fängt auch das an zu tränen. Jetzt fängt er an den Bohrer zu drehen, gaaaanz langsam .So das die Schmerzen immer größer und intensiver werden. Du kannst nichts dagegen tun. Du drückst dir panisch mit dem Handballen aufs Auge. Mit der anderen Hand massierst du wie wild deinen Nacken und die Schläfe. Doch es nützt nichts. Clustor kennt kein Erbarmen und legt noch ne Schippe drauf. Er dreht und bohrt. Er spießt dein Auge auf, zieht den Bohrer vor und wieder zurück. Kalter Schweiß läuft dir über das Gesicht. Du bist Schweiß gebadet. Du weisst nicht mehr wie du mit dieser Qual fertig werden sollst. Selbstmordgedanken sind nicht selten, bei den Betroffenen. Doch wir wissen auch, es hört bald wieder auf. Aushalten, egal wie! Es kommt auch vor, dass man Ohnmächtig wird, weil der Körper das nicht mehr verarbeiten kann. An Schlaf ist in dieser Situation nicht zu denken. Im Gegenteil. Starker Bewegungsdrang macht sich breit. Irgendwie den Körper in Bewegung halten. Starkes hin und her wippen mit dem Oberkörper. Eine Nachbarin sah mich mal dabei und sagte:“ Oh,ein Autist!“ Ich sagte: “ nein, Clusterpatient!“ Sie sagte:“ ach, das ist doch das mit den Schimpfwörten.“ Ich sagte:“ Nein, das ist Tourett, du Fotze! “ (Sorry, aber der Spuch geht leider nur mit diesem Wort?)Naja, jedenfalls hatt dann auch Clustor irgendwann kein Bock mehr und wird langsam wieder zu Clusti und veschwindet. Aber glaube nicht, du siehst ihn nie wieder. Er macht nur eine Pause. Und er kommt wieder. Ganz gewiss! Nun ,ich schlage mich jetzt seit über zwanzig Jahren damit herum .Meine Diagnose habe ich erst vor vier Jahren bekommen. Jetzt weiss ich auch, dass es Medikamente gibt, mit denen man über die Runden kommt. Aber weil diese Krankheit nicht heilbar und noch ziemlich unerforscht ist, müssen die Leute ,die darunter leiden, es dürften so ca. ein bis zwei Prozent der Menschheit sein, eben damit klar kommen. Und das in einer Episode bis zu acht mal am Tag und in der Nacht. Viele gelten als schwerbehindert. Bei mir ist es Gott sei dank nur der episodische Verlauf. Der sich momentan nur alle zwei Jahre bemerkbar macht. Dann ungefähr für acht Wochen. Es gibt aber auch schlimmere Verläufe. Ohne Pausen. Und wir wissen alle: Clusti kommt ,wann er will ,wie er will und wie oft er es will. Und er kommt. Das ist gewiss! Also, an alle diejenigen, die immer wegen allem jammern, wie schlecht es ihnen geht. Es gibt Menschen, denen geht es schlechter. Denn diesen Schmerz, wünscht man seinem schlimmsten Feind nicht! Ich habe gelernt mit Clusti zu leben. Und ich habe sogar Freude am Leben. Ich bin sogar Komiker von Beruf. Das zeigt, dass ich auch das Lachen nicht verlernt habe. Dieser Text ist für die Welt da draussen. Für die unwissenden Menschen, die immer sagen:“ stell dich nicht so an, es sind doch nur Kopfschmerzen!“Und für die Leidensgenossen, denen ich sagen will:“ nie den Mut verlieren! Das Leben geht immer weiter!“ Aber natürlich auch mit Clusti. Das ist gewiss!

Ein Erfahrungsbericht von Oliver Müller

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